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Goldene Zitronen: Sich zu etwas zwingen
Telefonat mit Schorsch Kamerun, Hauptstimme der Goldenen Zitronen und Theater-
regisseur um 9 Uhr morgens. Ich denke an Brother Wayne Kramer von den MC5, der nach einem Konzert an seinem 50. Geburtstag für den nächsten Tag einen Fototermin angesetzt hat – für 8 Uhr. Denn das Rütteln und Reiben an den Verhältnissen darf nicht schlafen! Arbeit ist gut, sie so selbstbestimmt wie möglich zu tun wahrscheinlich die letzte verbliebene konkrete Utopie.
Kamerun im Gespräch: aufmerksam, unverkrampft, unprätentiös, mit einer ganz eigenen Art Dinge aufzufassen und zu formulieren. Witzig, ohne sich aus etwas einen Spaß zu machen, oft ganz im Gegenteil. Gescheit, ohne den Kopf aufzublasen und mit der entweichenden heißen Luft alles zu veröden. Qualitäten, die Die Goldenen Zitronen, diese topfitten Langstreckengrenzläufer zwischen Pop, Kultur und Politik, zur konstant wichtigsten deutschen Band der letzten 15 Jahre gemacht haben.
„Wir stellen uns die Aufgabe mit der Schauspielerin Irm Hermann eine andere Bühnensprachhaltung zu integrieren als im Pop-Kontext üblich und erhoffen uns einen Bruch mit unseren gewohnten Aufführungsmethoden.“ Diese Zeilen umreißen, was Die Goldenen Zitronen beim heurigen Donaufestival vorhaben – und in ein paar Tagen vor Ort gemeinsam mit Irm Hermann erarbeiten werden. Kamerun: „Ich habe mit ihr am Theater gearbeitet, Adorno-Texte – sie kriegt das zum Swingen.“ Hermann, Jahrgang 1942, hat viel mit Fassbinder gedreht (Wikipedia: „Fassbinders Standardbesetzung für mürrische Spießerinnen“).
Das Aufmischen starrer Bandkonzepte
Die Sprachhaltung (Wer singt/sagt eigentlich was und wie aus welcher Position zu wem?) ist zentraler Aspekt des Programms, eine fortgesetzte Auseinandersetzung mit der Idee „Band“, die sich durch die Geschichte der Goldenen Zitronen zieht. „Seit 25 Jahren steht da, wenn ich auf der Bühne bin, neben mir ein Mann mit einer Gitarre“, sagt Kamerun lachend. Wobei die Zitronen das Ihre getan haben, starre Bandkonzepte so heftig wie möglich aufzumischen.
„Wenn wir sonst in der Regel als Band auftreten, zahlt der Veranstalter eine Gage, die im Verhältnis dazu steht, was er meint einspielen zu können“, sagt er zum Kontext Donaufestival. Dessen Subventionen und inhaltliche Ausrichtung machen eine Zuammenarbeit wie die mit Irm Hermann erst möglich. Was der Band, die in der Besetzung ihres letzten Albums („Lenin“, 2006) anreisen wird, willkommene Gelegenheit gibt „sich zu etwas zu zwingen“.