|
|
||
Panic at the Disco: Alles wird gut
Wahrscheinlich gab es eine pragmatische Erklärung dafür, vielleicht war ja gerade keines der Hotelzimmer frei, die üblicherweise als atmosphärefreier Hintergrund von Interviews mit Major-Label-Bands dienen. Jedenfalls würden wohl selbst Menschen wie dir und mir, die sich sonst wenig um die erhöhte Kosteneffizienz der kränkelnden Musikindustrie sorgen, billigere Interview-Locations einfallen als die Londoner Abbey Road Studios.
Aber da sitzen wir nun einmal vor einer 72-Kanal-Mischkonsole, über den Reglern und Tasten liegt ein Zettel mit der Botschaft „Do not touch!“, die beschrifteten Kanäle zieren Kürzel wie „Brendon voc“, „Ryan guit“, „brass“ und „strings“, und auf dem Computer-Schirm prangt eine säuberlich abfallend geordnete Reihe von Waveform-Würstchen: das neue Album von Panic at the Disco. Wir sind gewarnt worden: Die neue Platte heiße vielsagenderweise „Pretty. Odd.“, und klinge sehr deutlich anders als das global erfolgreiche Debüt, ja sogar das Rufzeichen nach der Panik im Bandnamen wurde offiziell gestrichen. Sollten wir uns von einer Band, deren Songs bisher Titel wie „Lying Is the Most Fun a Girl Can Have without Taking Her Clothes Off” trugen, am Ende eine neue Seriosität erwarten?
Nach ein paar Minuten kommt ein Studiotechniker herein, um uns mit einem Druck der Leertaste von der Ungewissheit zu befreien, auch wenn wir einstweilen noch nicht einmal eine Liste der Songs sehen dürfen. „Here we go“, schallt es aus den Boxen, als hätten wir’s noch nicht gemerkt. „We were busy writing songs for you!“, lassen uns Panic at the Disco wissen und unterstreichen ihr Statement mit eingespielten Jubelchören. Aber: „You don’t have to worry cause we’re still the same band.“
„Wenn alle glücklich sind, ist das doch toll, oder?“ (Brendon)
Mein Blick wandert durchs Glasfenster hinaus in den Aufnahmeraum, wo mir und dem Rest der Journaille Ende 2006 „Love“ vorgespielt wurde, jenes absurde Album, für das der längst halb taube Sir George Martin gemeinsam mit seinem Sohn die Songs der Beatles via „Pro Tools“ zerlegt und nach Frankenstein-Manier neu zusammengesetzt hatte. Kein Wunder, dass meine Gedanken sich beim Hören der neuen Panic-at-the-Disco-Platte auf diese Zeitreise begeben, wechseln einander darin doch beatleske Chöre und Bläser-Sätze mit längst in die Pop-Folklore aufgenommenen Kalauern wie der ironischen Heilsarmee-Fanfare, dem Klang einer Feuerwehrglocke (siehe „Penny Lane“), dem verkehrt herum aufgenommenen Gitarrensolo und dezent indisch getönten Streichern ab.