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Jamie Lidell: Aus der Zeit gefallen
Zurück zu den Wurzeln, die Zukunft liegt in der Vergangenheit. Immer mehr Produzenten von elektronischer Musik schwören dieser Tage auf den Einsatz von echten Instrumenten im Gegensatz zu simpel aus den Rechnern gezapften Sounds, Plug-ins und Presets. So haben beispielsweise im vergangenen Jahr die zwei Kölner Techno-Lichtgestalten Michael Mayer und Superpitcher als Supermayer ein Album größtenteils an „richtigem“ Instrumentarium zusammengeklöppelt, anderswo geht Über-Producer Matthew Dear mit einer Band aus Fleisch und Blut auf Tour.
Sei’s aus Gründen des Distinktionsgewinns oder wegen der unerbittlich zyklischen Bewegung des Musikgeschehens – der Backlash kommt bestimmt. Der englische Sunnyboy Jamie Lidell hat seine Computer und elektronischen Wunderkisten anscheinend for good eingemottet und seine Bestimmung in der perfekten Verkörperung des Soul-Entertainers und des Sängers gefunden, der vom Gospel geläutert wurde. Ganz ohne ironische Brechung und avantgardistische Sound - Forschung.
Während Lidell um die Jahrtausendwende in jugendlichem Überschwang noch höchst erfolgreich gemeinsam mit dem Techno-Dekonstruktionisten Cristian Vogel unter dem Namen Super_Collider die Sounds aus der Maschine in feine Scheiben zerlegte und zigfach durch die Effektgeräte jagte, um dazu im goldenen Bademantel einen ekstatischen Prince für die Generation Clicks & Cuts zu geben, machte das Album „Multiply“ – sein zweites als Solokünstler – im Jahr 2005 schon klar, wohin die Reise gehen soll.
Im Nachhinein betrachtet stellt sich „Multiply“ ein wenig als Überbrückung dar: Deutlich hört man noch die elektronische Vergangenheit und die Heimat beim Label Warp, das ja gut zehn Jahre im Bereich Klangexperimentalismus federführend gewesen war, nachhallen. Die Hinwendung zu seriösem, zeitlos gedachtem Songwriting war aber mehr als evident.
Organisches Hyper-Crooning
Lidells neues Album nennt sich schlicht „Jim“, als erste Information lässt uns die Plattenfirma wissen: „Jamie ist Jim.“ „Jim“ ist die Essenz. Mit einer Schar Musikanten wie den alten Bekannten Mocky oder Gonzales am polternden Piano hat Lidell ein, jawohl, organisches Album zwischen Reverend Al Green, sonnendurchflutetem Gospel, Funk direkt aus George Clintons Mothership und schmachtendem Hyper-Crooning geschmiedet. Ganz ohne elektronischen Schnickschnack.