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Das nächste große Ding
Kann sich jemand daran erinnern, wie das vor ein paar Jahren noch war? Als Acts wie die Arctic Monkeys oder Lily Allen plötzlich Stars waren, noch bevor jemand einen ordentlichen, angreifbaren Tonträger in die Läden gestellt hatte? Einzig durch intensive Präsenz im Internet und freundschaftswirksames Netzwerken über Plattformen, denen damals noch sanft der Geruch von Nerdismus anhaftete? Sensation! Was damals großes Thema war, ist heute Fußnote, fast lächerlich mutet mittlerweile die gegenteilige Annahme an: dass in Zeiten wie diesen irgendeine Band aufgrund von irgendwelchen Tonträgerverkäufen oder Chart-Platzierungen berühmt und auf die Titelseiten einschlägiger Gazetten gehievt würde. Das Internet ist die reale Welt!
Santi White lächelte schon im Januar 2008 vom Cover von The Fader, dem wohl führenden US-amerikanischen Musikblatt für Styler. Ihre erste Single sollte erst später im selben Monat und nur in limitierter Vinyl-Ausgabe erscheinen, im folgenden März dann in flächendeckender Ausfertigung. Unter dem Namen Santogold ist Santi White der prototypische Popstar der Gegenwart, ihr Song „L.E.S. Artistes“ – ein Welthit übrigens – tauchte schon Ende 2007, vor seiner regulären Veröffentlichung, in diversen Jahresbestenlisten auf. Die ursprünglich aus Philadelphia stammende, jetzt in Brooklyn ansässige Produzentin, Musikerin und Sängerin geistert bereits seit gut einem Jahr durch die Blogs, füllt in den USA mittelgroße Hallen und durfte so auch schon für die alte Spürnase Björk Konzerte eröffnen. Alles aufgrund digitaler Mundpropaganda. Und frischer Musik.
Wundertüte in eigener Farbgebung
So bringt nun Santogolds Debütalbum den für die Nuller-Jahre symptomatischen, kunterbunten Stil-Wirrwarr, der die Pop-Geschichte als Selbstbedienungsladen begriffen hat und die Postmoderne überwindet (Hot Chip, LCD Soundsystem, M.I.A. – you name it); dabei hat auch Santogolds Wundertüte eine eigene Farb-gebung: Santogold verschiebt die Zeichen in Richtung Dub und dessen Derivate. Dub jedoch in seiner entwässerten, feierlaunigen Ausformung, nicht in der allzu dickbassigen, gottesfürchtigen. Dementsprechend sind hier deutliche Nachwirkungen von englischen Ska-Revival-Bands aus den 70ern und 80ern aus dem Two-Tone-Umfeld wie Madness oder The Specials aufzuspüren, ebenso wie mehrheitsfreundlicher Party-Reggae im Geiste von Althea & Donnas „Uptown Top Ranking“ oder des immerblühenden „Pass the Dutchie“ von Musical Youth.Dazwischen wird mit runtergerocktem Elektro-Rap der harmlosen Schule – man er-innere sich an „Supersonic“ von J.J. Fad oder „Cars That Go Boom“ von L’Trimm – nachgewürzt oder Booty Bass aus dem Miami der 80er ins Heute herübergebeamt.