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Matthew Herbert: Das Solo spielt der Kontext
Matthew Herbert schaut ein wenig müde aus seiner Second - Hand - Wäsche. Zwölf Stunden im Nachtzug von London nach Berlin hinterlassen eben einige Nebelschwaden im Kopf, selbst wenn man seit Jahren Flugreisen konsequent meidet und also nichts anderes gewohnt ist. Alle Welt redet vom Klimawandel – Herbert tut was dagegen. Und er erzählt auch gerne davon, denn durch den Nebel hindurch sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Etwa wenn er erklärt, wie katholisch er die paar Euro Buße findet, die man beim Kauf eines Flugtickets sozusagen als
Klima-Ablass dazubuchen kann. "Ich halte es für eine sehr gefährliche Idee, zu denken, dass man sein eigenes Verhalten neutralisieren kann. Wir sind Teil einer faulen Gesellschaft, wenn es um diese Dinge geht."
Herbert hat mit solcher Bequemlichkeit nichts am Hut. Er geht als Konsument und Produzent gerne den beschwerlicheren Weg. An seiner Musik arbeitet der englische Sampling-Meister mit einer Detailversessenheit, dass man sich fragt, wie er es schafft, Leute wie Róisín Murphy zu produzieren, gleichzeitig Soundtracks zu komponieren und nacheinander Konzeptalben vorzulegen, die zum Ausgefeiltesten zählen, was man im Bereich der elektronischen Musik bekommen kann.
Subversion durch Verführung
Kein Wunder, dass auch "There’s Me And There’s You" als ebenso vielschichtiges wie virtuoses Großprojekt daherkommt. Herbert versucht sich mit dem Album zum zweiten Mal am Format Big Band. Mit den besten britischen Jazz-Musikern und der Stimmgewalt von Sängerin Eska Mtungwazi inszeniert er derart aufwändige Arrangements, dass Oper, Musical und Musikhochschule gleich doppelt und dreifach an die Studiotür klopfen. Subversion durch Verführung lautet die Strategie, denn hinter dem orchestralen Jazz-Schmelz verbirgt sich knallharte Soundpolitisierung. So wird Herberts Musik zu Konzeptkunst.
Und zu einem Fass ohne Boden. Es passt immer noch mehr rein: noch mehr originelle Samples samt Kontextualisierung, noch mehr musikhistorische Verweise, noch mehr politischer Gehalt. Ein Blick auf den Beipackzettel verrät, dass sich diesmal alles um das Überthema Macht und ihren Missbrauch dreht. Vom Irakkrieg über Guantanamo und den Duft von Britney Spears bis hin zum Nahostkonflikt ist hier alles mit allem verstrickt. Herbert zeichnet ein Klang gewordenes Bild für die Globalisierung selbst.

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