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Franz Ferdinand: der gekochte Frosch
Im kalten Herbstwind entpuppt sich der Fußmarsch vom Hauptbahnhof zum bandeigenen Studio von Franz Ferdinand am Südufer des River Clyde als lange Wanderung durch eine der raueren Gegenden Glasgows. Verbarrikadierte Geschäfte, streunende Junkies und staubige Bäume, die aus noch staubigeren Fassaden wachsen. Der gerade zu Ende gegangene britische Wirtschaftsboom hat hier gar nicht erst stattgefunden. Die mit ornamentierten roten Terracotta-Fliesen ausgekachelte Old Govan Town Hall ist eine der wenigen, vom feuchten Wind gepeitschten Zierden dieser gottverlassenen Nachbarschaft.
Verlassene Gemäuer
"Es ist ein sehr typischer Glasgower Ort", erklärt Sänger Alex Kapranos unten im Keller des Gebäudes, wo ein mächtiges Mischpult als Kommandobrücke musikalischer Forschungsreisen wie eine magische Projektion aus der Zukunft zwischen den vergilbten Wänden thront. "Die große industrielle Vergangenheit dieser Stadt besteht hier noch in Resten, so wie die letzten paar vergammelten Zähne, die noch aus dem Zahnfleisch ragen."
Gitarrist und Tastenspieler Nick McCarthy, der schon in Franz Ferdinands Frühzeiten die Schauplätze ihrer Guerilla-Gigs auftat, war auch für die Entdeckung des neuen Hauptquartiers verantwortlich. "Ich hab das als Teenager schon immer gemacht – wo einzubrechen und das dann als Spielplatz zu verwenden", sagt Nick im dezenten Bayrisch seiner Rosenheimer Jugendheimat. Einzubrechen brauchte er in diesem Fall nicht, nachdem die Firma Sigma Films, zum Soundtrack von deren Kinofilm "Hallam Foe" Franz Ferdinand letztes Jahr ein Stück beigetragen hatten, bereits einen Teil des verlassenen Gemäuers kolonisiert hatte. Beim ersten Mal reinkommen, meint Nick, habe er gleich gesehen, dass dies "ein unglaublicher Ort" sei, nicht zuletzt wegen des großen Theatersaals, den seit 20 Jahren niemand genutzt hatte.
Schlagzeuger Paul Thomson steht in der Mitte des viktorianischen Auditoriums, klatscht zum Beleg der Akustik in die Hände und erntet einen kosmischen Widerhall. "Gegenüber ist eine Schule für Gehörbehinderte", erklärt er, "die haben sich über unsere Lautstärke beschwert."
Wer Franz Ferdinands vor lärmigen Sound-Ideen berstendes neues Album "Tonight" gehört hat, kann sich das ganz gut vorstellen. In vielerlei Hinsicht hält diese Platte, was Kapranos & Co zumindest in der Rhetorik ihrer Interviews bereits für ihr zweites Album versprochen hatten: Das Aufbrechen jenes klassischen Indie-Rock-Sounds, der die Vielfarbigkeit ihrer eigenen Vorlieben bisher nie ausreichend reflektiert hat.