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Ein Hauch Atemlosigkeit
Es gibt einige das Leben begleitende, ewige Wahrheiten. Eine davon lautet: Es leidet nicht jeder gleich. Gequälte Selbstbetäubung bei gleichzeitig extravagantem künstlerischem Output wird insbesondere im Rock ’n’ Roll, und hier im Sinne einer nachhaltigen Mythenbildung, nicht ganz zu unrecht, als Königsweg gepriesen. Nicht jeder, der ihn beschreitet, hat dabei freilich solch ein konsistentes Programm in
seinem Repertoire wie Jason Pierce. Das da lautet: Drogen nehmen, um Musik zu machen, zu der man Drogen nehmen kann. Diesem selbsterklärenden Kreislaufprinzip hat er im Grunde genommen nie so wirklich abgeschworen. Watete Pierce mit seiner frühen, unter dem Namen Spacemen 3 firmierenden Truppe noch unerbittlich durch teils ganz schön wirre psychedelische Klangmoraste, orientiert er sich mit der Unternehmung Spiritualized eher gen Himmel. Dass sich Letzterer zumeist bewölkt zeigt, gilt dabei als Selbstverständlichkeit.
Nicht verschreibungspflichtig
Das Ergebnis der musikalischen Bemühungen sind von orchestraler Wucht, Gospel-Anleihen und eher einladenden denn verschreckenden Gitarren getragene, schaurig-schöne Ausnahme - Songs. Fragil, aber die alles entscheidende Nuance zu erhaben, um zu zerbrechen. Bedrückend, aber im Kontrast von benommenen Flüster - Lyrics und Wall - of - Sound-Dominanz auch unendlich erbauend. Kleine Meisterwerke wie das 2001 erschienene "Let It Come Down" oder
"Amazing Grace" aus 2003 sind dankbare Steigbügelhalter ins Universum von Spiritualized – nicht verschreibungspflichtig, dafür ordentlich süchtig machend. Lediglich die immer wieder eingestreuten "Lord" - Anflehungen mögen einer agnostischen Geisteshaltung den Spaß an der Sache verderben.
Ein Mann in silber glänzendem Anzug und Sonnenbrille in einer szenischen Montage zwischen Krankenhausbett und windiger Eis- und Schneelandschaft: Viel akkurater als anhand dieser Selbstinszenierung im Video zum Song "Soul Of Fire", zu finden auf der letzen Veröffentlichung "Songs In A And E", kann man den kreativen Vorstand von Spiritualized eigentlich gar nicht beschreiben. Die Pose des erschöpften Messias scheint ihm wie auf den Leib geschneidert, einen Leib, dem gerade im Vorfeld besagter Studioarbeit ordentlich zugesetzt wurde. Da soll es Pierce nämlich ob einer hartnäckigen verzwickten Krankheit gar dreckig gegangen sein. Die Erholung ließ Monate auf sich warten, der finale Materialschliff wurde trotzdem geschafft.
Mit einem Live - Programm, das sich hören lassen kann, trachtet man nun eine ausgewählte Schar von Jüngern von allen Lasten zu befreien. Was der gute Mann dabei an narkotisierenden Substanzen in seiner Reiseapotheke mitführt, ist gleichermaßen unbekannt wie unerheblich. An der Bühnen - Performance des schmächtigen Schwarzkopfes wird sich ohnehin nicht mehr allzu viel ändern. Pierce gibt sich entrückt und hemmungslos schwelgerisch. Ob man das Phlegma oder schon Todesstarre nennt? Egal. Die letzte Bastion vor dem Kollaps heißt Hoffnung. Ein Hauch Atemlosigkeit verewigt den Moment.