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Furchtlose Ambivalenzen
Placebo - Bassist Stefan Olsdal geht in einem englischen Studio ans Telefon. Dort probt die Band in sechsköpfiger Live - Besetzung, um für die Sommer - Ochsentour über den europäischen Festival - Parcours gerüstet zu sein. Unter anderem wird eine Violine in den Band - Sound integriert. Streicher sind eine jener Klangquellen, die die 13 Songs ihres sechsten Albums "Battle For The Sun" bewusst von seinem Vorgänger "Meds" (2006) absetzen sollen.
"Meds" war nicht gerade der Soundtrack zu einer ausgelassenen Kinderjause, jetzt schlägt das Pendel vom Opener "Kitty Litter" über die Single "For What It’s Worth" bis hin zum abschließenden "Kings Of Medicine", mit dem Placebo ein wenig im Calexico - Territorium wildern, Richtung Optimismus und Lebensfreude aus. Der 35 - jährige Olsdal verneint, dass das groß mit äußeren Einflüssen zu tun habe, mit "der Welt": "Als Künstler lebst du in einer Art Vakuum mit eigenen Abläufen und Prioritäten."
Mainstream - Emo - Posterboy
Bei alledem bleibt Brian Molko ein Meister gut klingender, bei näherer
Analyse höchst ambivalenter Lyrics zwischen Hedonismus und moralischem Bemühen, zwischen Nightlife - Philosophie und den großen Themen. Wobei das Spiel mit Images und der Inszenierung der Person Molko seine Entsprechung im unerschrockenen Umgang mit groß klingenden Plattitüden findet – und im furchtlosen Nebeneinander - Stellen poetischer Perlen und gereimten Bullshits.
Pop eben. Die existenziellen Fragen sind meist nur eine Zeile entfernt: "I always aim to please / But I nearly died", singt der fesche Brian in "For What It’s Worth". Er, der aus Glam - Tradition und Bowie’schem Diva - Verständnis kommend schon der androgyne Mainstream - Emo - Posterboy war, als der Mainstream noch gar nicht wusste, was Emo ist. Der Erfolg – Placebo halten bei zehn Millionen verkauften Alben – ist auf seiner Seite.
Doch bevor es an die Arbeit zum neuen Album ging, galt es die Chemie der Band wieder ins Lot zu bringen. Schlagzeuger Steve Hewitt, seit 1996 dabei, kommunizierte nicht länger mit der Achse Molko–Olsdal, die die Band 1994 in London unter dem Namen Ashtray Heart – so heißt auch ein neuer Song – gegründet hatte. "Wenn man dermaßen viel auf Tour ist, ist es wichtig, dass man miteinander klarkommt." Die Details von Hewitts Verfehlungen bleibt Olsdal schuldig, die Frage, ob der Song "Happy You’re Gone" dem Mann nachgeschickt ist, ungestellt.
Der neue Drummer, dem nun zugetraut wird, alle zwischenmenschlichen und fachlichen Anforderungen zu erfüllen, ist der kalifornische Jungspund Steve Forrest. Mit ihm und Produzent Dave Bottrill (Tool, Deus) wurden die 20 Stücke, die Molko und Olsdal geschrieben hatten, zu "Battle For The Sun" geformt. "Wir wollten ein groß klingendes Album, ohne unsere europäische Sensibilität zu verlieren. Noch nie war ein Produzent so nah dran an unseren Songs."