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Musikpädagoge: "Schulfach Musik lehrt Toleranz"
"Es war ein langer Weg, den die populäre Musik bis zu ihrem festen Platz in Schule und Lehrerausbildung zurücklegte", erklärt Georg Maas, Professor für Musikpädagogik und Musikdidaktik am Institut für Musik der Universität Halle gegenüber pressetext. Die Anforderungen an Musiklehrer werden immer umfassender, ebenso wachsen jedoch auch die Chancen, Schülern über Musik vielfältige Kompetenzen zu vermitteln.
Die Geschichte der populären Musik im Unterricht ist im deutschsprachigen Raum noch jung. "Nach Kriegsende 1945 beschränkte sich der Musikunterricht weitgehend auf die klassische Musik und Volkslieder. In den 60er Jahren verursachte die reine Kunstmusik-Vermittlung erstmals Bauchschmerzen, da erfolgreiche Bands wie die Beatles starken musikalischen Einfluss hatten und auch klassische Musiker aufhorchten." Hatte man in den 50ern noch Angst vor schädlichen Auswirkungen des Rock'n'Roll gezeigt, so versuchte man nun, Musik neu zu verstehen und auch die Schüler ernster zu nehmen. "In den 70er Jahren war die Einbindung der populären Musik noch zaghaft, während sie in den 80er Jahren ihre Blüte erreichte", erinnert sich Maas. Die frühere DDR sei jedoch einen anderen Weg gegangen. "Der Staat verpflichtete die Tanz- und Unterhaltungsmusiker dazu, auf Deutsch zu singen, kümmerte sich aber gleichzeitig um eine solide Ausbildung. Dadurch entstanden an DDR-Hochschulen frühzeitig Tanzmusikabteilungen mit versierten Dozenten. Davon profitierte die Lehrerbildung vor allem nach der Wende."
Mittlerweile bestimme längst nicht mehr das "ob", sondern das "wie" der Vermittlung von Popularmusik die Diskussion der schulischen Musikpädagogik. "Es gilt, eine Balance zwischen dem reproduktiven Zugang wie etwa Singen, dem Hören oder auch dem Rückgriff auf neue Medien zu suchen", so Maas. Junge Musiklehrer würden in den Unterricht alle Musikarten integrieren, wovor ältere häufig Hemmungen zeigten. "Ältere Musiklehrer fühlen sich oft unsicher und wollen sich nicht lächerlich machen, wenn sie Schülern etwa HipHop vermitteln. Hier bringt eher der Schüler Wissen mit und der Lehrer kann lernen." Jedoch auch rund um die heutige Jugendmusik bestehe wichtiger Lernbedarf für Schüler. "Es geht darum, Toleranz gegenüber anderen Musikstilen zu entwickeln. Schüler sollen begreifen, dass Musik ihre Geschichte hat, auf die sie immer wieder zurückgreift." Dieses Wissen ermögliche es jungen Menschen, eigene Standpunkte zu reflektieren und auch selbstbewusster aufzutreten.
Mit der Zunahme von Musikstilen wächst die Herausforderung, die ihre Vermittlung im Unterricht darstellt. "Zu einem Verdrängungswettbewerb soll es dabei jedoch nicht kommen. Musik ist so reich, dass man Taktiken suchen muss, um den Schülern ihre ganze Breite zu vermitteln." Ein Zugang sei etwa, Schüler gleiche Motive bei Rockmusik und bei klassischen Komponisten entdecken zu lassen, wodurch letztere an Spröde verlieren. Auch der Lebensstil von Musikern könne das Interesse wecken, wenn man etwa Mozarts Schwierigkeiten beleuchtet, durch Kompositionen den Lebensunterhalt abzusichern, und diese mit den Tantiemen heutiger Superstars vergleicht. Musiklehrer dürften jedoch auch nicht daran verzweifeln, Schülern die ambitionierte zeitgenössische Kunstmusik näher zu bringen. "Der Musiklehrer gleicht einem Zehnkämpfer. Er muss Allrounder sein, wofür er vielleicht von Geigern oder Pianisten belächelt wird. Gleichzeitig besitzt jedoch auch seine Spezialdisziplin. Die Vermittlung kann nur dann gelingen, wenn er mit seiner Persönlichkeit hinter seinem Tun steht anstatt sich den Schülern anzubiedern", so Maas.
Die Zukunft des Musikunterrichts in der Schule sieht derzeit wenig rosig aus. Vielerorts wird eine Zusammenlegung mit der bildnerischen Erziehung zu einem Unterrichtsfach für den ästhetischen Bereich überlegt. Den Musikunterricht sieht Maas als möglichen Verlierer dieser Entwicklung. "Geht der Fachunterricht Musik unter, so kann vieles nicht mehr vermittelt werden und geht verloren, wie etwa musikpraktische Kompetenzen. Der Kunstunterricht könnte beispielsweise beim Thema Romantik zwar bedeutende Maler und Bildmotive vorführen, jedoch die musikalischen Beiträge Schuberts oder Schumanns sowie auch die Parallelen zur heutigen Metal-Musik würden wohl kaum mehr berücksichtigt werden", so die Prognose des Experten. Verschiedene Ausdrucksweisen der Kunst könnten sich gegenseitig nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.