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Europa. Eine Dystopie
Das gegrillte Huhn am Ende der Straße kostet 20 Amerigo. Kein Spaß, dieser Preis. Für 20 Amerigo reiste man früher nach Paris. Andererseits kann man es positiv sehen: Es gibt wieder Hühner. Erdgas gibt es keines, aber Hühner. Erdgas wurde uns für Dezember 2057 versprochen, die Regierung ist säumig. Ich will nicht schimpfen. Große Probleme, Große Koalition. Alle europäische Regierungen sind säumig. Es ist populär, den Menschen Wärme zu versprechen, nach diesem frustrierenden Winter der Stromausfälle. Es war nicht der kälteste. Denken Sie an 2030! Die Älteren können sich noch erinnern, die sehr Alten ohnehin. Obwohl, es gibt wenige sehr Alte. Ich bin einer der letzten – am 15. November werde ich 91. Herr Amanshauser, fragten die jungen Kerle vom TBA an, schreiben Sie uns doch bitte einen Text über das Jahr 2009. Quasi als Zeitzeuge! Greise reden ja so hübsch über die Vergangenheit! Höfliche junge Leute in diesen Redaktionen. Ich darf mich nicht beschweren, bin froh, dass sie an Texte des Herrn Amanshauser denken in der kalten Jahreszeit.
Rehe und Koreanerwitze
2030 war schlimm, ein Winter ohne Heizung, doch man kam durch. Ich hatte nichts gegen die Koreaner. Nachdem Europa versagt hatte und Deutschland zerfallen war, gaben sie ihr Bestes. Meine Enkelin Jenny weiß wenig von ihnen, 2035 geboren, sie hat die Epoche der Übergangsbewegungen nicht mitgekriegt. Der Kleine und der Große Krieg, für sie alles nur Geschichte. Sie gehört zur ersten Generation, für die es eigentlich nur bergauf ging. Sie macht Sprachen. Sprachen sind das wichtigste. Aber nicht dieses komplexe Koreanisch, eine Quälerei. Dummes Pflichtprogramm. Lohnte sich nur für Karrieristen! Als meine Enkelin in die Schule ging, kam sie gelegentlich bei mir im vierten Stock vorbei. Schöne, sonnige Nachmittage! Mein Sohn hatte am Leopoldsberg ein Reh geschossen, und wir grillten es am Balkon. Zu jener Zeit gab es massenhaft Rehe am Leopoldsberg. Wir saßen am Balkon, Jenny stellte Fragen. Ich erzählte von der Europäischen Union, vom Internet (das sie nicht kannte), von den vielen Produkten, die wir früher besaßen, den bunten Autos (Privatautos, jeder hatte eines!), vom Desaster. Mein Sohn Jim machte Koreanerwitze. Keine primitiven, echt lustige.
Er kann nicht anders. Sein Jahrgang hat am meisten gelitten. Seit ich den Balkon aufgeben musste, bin ich nicht mehr der gleiche. Jenny kommt auch seltener – hat ihr eigenes Leben. Romantik ist passé, draußen längst keine Rehe mehr. Am Ende meines Lebens gibt es immerhin gegrillte Hühner. Wenn auch kein Erdgas. Ich hol also meine Mercedes - Schreibmaschine raus, um denen von TBA etwas über 2009 zu schreiben. Aber ich, ehrlich, ich erinnere mich kaum mehr. Herbert Schüssel regierte damals, oder irgendeiner dieser Mafiamänner. Sowinetz, Zilk? Keiner kennt die mehr. Ich bin nicht einmal sicher, ob Zilk je Premierminister war. Müsste man in einer Bibliothek nachlesen. Wissen Sie, wie viel mir die für diesen Artikel zahlen? 80 Amerigo. Verdammte Inflation! Soll gut sein. Sind immerhin vier gegrillte Hühner.
Martin Amanshauser ist ist Autor, Reisejournalist und Übersetzer.
Zuletzt erschienen 52 gesammelte Reisegeschichten in "Logbuch Welt" im Christian Brandstätter Verlag.