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Radetzkymarsch im Gartenbaukino
Der in New York lebende Filmemacher Jem Cohen war mit seinen Filmen schon mehrmals bei der Viennale zu Gast. Seine Arbeiten reichen von Dokumentar- und Experimentalfilmen bis zu Spielfilmen und Kollaborationen mit Musikern, so etwa mit R.E.M., Fugazi, Elliott Smith, Godspeed You! Black Emperor oder Sonic Youth. Letztes Jahr bat die Viennale den Filmemacher, einen Abend im Gartenbaukino zu gestalten.
Inspiriert von Joseph Roths epochalen Roman "Radetzkymarsch" entstand so das Projekt "Evening‘s Civil Twilight in Empires of Tin", bei dem Cohen in Wien und New York gedrehte Filme auf die Leinwand projizierte, während Vic Chesnutt, unterstützt von Fugazi-Gitarrist Guy Picciotto und Musikern von A Silver Mit. Zion und The Quavers, live dazu den Soundtrack einspielte. Brüchige Folksongs, getragen von Chesnutts eindringlicher Stimme wurden immer wieder von gewaltigen Walls of Sound sowie Textpassagen aus Roths Romanen "Radetzkymarsch" und "Die Kapuzinergruft" abgelöst.
Wie kam es zu dem Projekt?
Die Viennale fragte mich, ob ich interessiert sei, einen Abend zu gestalten, der sowohl Filmprojektionen als auch Live-Musik beinhalte. Ich hatte gerade den "Radetzkymarsch" gelesen, der mich noch sehr beschäftigte, und entschied mich dafür, diese spezielle Idee umzusetzen. Efrim Menuck von A Silver Mt. Zion brachte mich auf das Buch. Dass es bei dem Projekt also auch um Wien geht, ist reiner Zufall.
Du hattest also keine besondere Beziehung zu Wien?
Nur durch die Viennale, zu der ich erstmals mit meinem Feature-Film "Chain" 2004 eingeladen worden war. Dadurch begann ich mich mehr für die Stadt zu interessieren. Ich war auch beeindruckt von der Viennale. Ich besuche viele Filmfestivals, aber die Viennale ist sehr speziell, da sie an den Filmen und nicht an Glanz und Glamour interessiert ist. Immer, wenn ich ein Filmfestival besuche, gehe ich dann in der Stadt herum und filme. So war es auch in Wien, und so sammelte ich Material, ohne zu wissen, dass ich es später für dieses Projekt verwenden würde. Die Hälfte des Materials wurde speziell für dieses Projekt gefilmt, die andere Hälfte stammt aus meinem Archiv.
Du bezeichnest "Empires of Tin" als Reflexion über den Zerfall eines Imperiums, ziehst Parallelen zwischen der Habsburger Monarchie ...
... und der Bush-Monarchie. Die Menschen tendieren dazu, Imperien als etwas Vergangenes anzusehen. Wenn man aber die Bush-Regierung betrachtet, haben wir da Vater und Sohn. Es gäbe keinen Präsidenten George W. Bush, wenn der Vater nicht Präsident gewesen wäre. Dieser hatte sein eigenes Imperium - er war Kopf der CIA. Die Intentionen George W. Bushs sind noch extremer, im Sinne einer Rückkehr zu einem altertümlichen Imperium, das die Macht des eigenen Reiches auszudehnen versucht, indem es andere Länder erobert, ohne direkt provoziert worden zu sein.
"Evening‘s Civil Twilight" bezieht sich auf jene Tageszeit, zu der man die Dinge nicht mehr klar erkennen kann. Dein Film ist sehr ruhig und langsam. Anfangs sind die Bilder nur schwarzweiß. Erst nach und nach kommen Farbe und Dynamik. Ermöglichen diese ruhigen, langen Einstellungen dem Zuschauer, die Dinge klarer zu sehen?
Ja. Wir werden von Bildern und Informationen überwältigt. Ich möchte die Zuschauer dazu ermutigen, Bilder kontemplativer zu betrachten. Deshalb tendiere ich dazu, Projekte zu realisieren, die langsamer sind, damit das Publikum Raum für Gedanken und Vorstellungen bekommt und eigene Zusammenhänge erstellen kann.
Die Präsentation der DVD findet am 19. Oktober im Gartenbaukino statt. Anschließend wird Vic Chestnutt bei freiem Eintritt ein Live-Set zum Besten geben.