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Throbbing Gristle: Das Publikum als Objekt der Attacken

Liefern den Soundtrack zum Zusammenbruch der Zivilisation: Cosey Fanni Tutti, Peter Christopherson, Chris Carter und Genesis P-Orridge (v. l. n. r.)

�Part Two � The Endless Not� (Mute / EMI) ist vor kurzem erschienen. Die beiden Auftritte der Band im Rahmen des Donaufestivals werden am Sonntag, den 29. April bzw. am Montag, den 30. April �ber die B�hne gehen. N�here Infos zur Band sind im Netz unter throbbing-gristle.com zu finden.
London, 16. Mai 2004. Ein Sonntag. Es ist 17.36 Uhr, als Throbbing Gristle die B�hne des Astoria betreten. Pand�monium! Die 2.000 Fans umfassende Masse aus Lederjacken, Gesichtspiercings, Milit�runiformen, Hakenkreuz-T�towierungen und Fetischklamotten tobt. Fast 23 Jahre nach ihrem letzten Auftritt am 29. Mai 1981 in San Francisco spielen die Erfinder des Industrial wieder ein Konzert. Ein historisches Ereignis, nicht nur wegen der Kameras, die den Auftritt filmen.
�The mission is terminated�, erkl�rte die Band 1981 per Postkarte. Genesis P - Orridge, Cosey Fanni Tutti, Chris Carter und Peter Christopherson hatten sich heillos zerstritten und �berlie�en das Industrial-Feld ihren Nachfolgern, denen es mehr um Kommerz und Pose statt um Kunst und Politik ging. Doch sp�testens seit der Londoner Reunion sind Throbbing Gristle wieder zur�ck. Zumindest f�rs Erste.
Schwer zu entscheiden, ob es bei diesem Revival darum geht, die wohlverdienten finanziellen Fr�chte der subversiven Saat zu ernten, die Throbbing Gristle schon vor dem Ausbruch des Punk ins (popul�r-)kulturelle System gestreut haben, oder ob das Comeback vielmehr eine Reaktion auf die gegenw�rtige politische und soziale Lage in ihrem Heimatland gewesen ist: Gro�britannien f�hrt wieder mal Krieg; den Unterprivilegierten geht es unter Blair noch dreckiger als unter Thatcher, was sich auch unter Brown nicht �ndern wird; der absehbare Terroranschlag in London hat stattgefunden, weitere werden folgen ...
Noch 1976 attackierte ein englischer Parlamentsabgeordneter die Band als �wreckers of civilisation�. F�r den Zusammenbruch der Zivilisation sorgt die Politik jedoch weiterhin selbst, Throbbing Gristle liefern nur � wieder einmal � den passenden Soundtrack dazu. Etwa in Form von �Part Two � The Endless Not�, dem ersten Studioalbum seit mehr als 25 Jahren, das nach mehrfachen Verschiebungen am 30. M�rz endlich erschienen ist. Zehn neue Tracks, fast 70 Minuten Spielzeit. Auch ein lang erwartetes DVD-Box-Set, das auf sieben Silberlingen s�mtliche historische Videoaufnahmen sowie Aufzeichnungen ihrer Konzerte der letzten Jahre enthalten soll, ist f�r dieses Fr�hjahr angek�ndigt.
Mal sehen. Dass Throbbing Gristle alle ihre Auftritte aufzeichnen � auch bei ihren beiden Shows auf dem Donaufestival werden sie da keine Ausnahme machen � liegt weniger am Hintergedanken sp�terer Verwertung, sondern resultiert aus ihrem Selbstverst�ndnis, eher Performance - K�nstler als Musiker zu sein. Was angesichts des L�rms, den sie auf der B�hne in ohrenbet�ubender Lautst�rke entfesseln, ja auch eine durchaus richtige Einsicht ist.
Ihre kakophone Anti-Musik sollte schmerzhaft h�rbar machen, dass man nach Auschwitz nicht nur keine Gedichte mehr schreiben, sondern auch keine Popmusik mehr machen kann. Lautet das Motto von Throbbing Gristle, die als sinniges Logo f�r ihr Label Industrial Records auch die Schornsteine der Verbrennungs�fen von Auschwitz w�hlten, doch: �Music from the Death Factory�.
Die Wirkung von Tieffrequenzen
Bevor das Quartett Mitte der 70er-Jahre erstmals als Throbbing Gristle (w�rtlich �bersetzt hei�t das �zuckender Knorpel�, Yorkshire-Slang f�r �erigierter Penis�) auftrat, hatten sie bereits mehrere Jahre unter dem Namen COUM Transmissions als Performance-K�nstler gearbeitet, stark beeinflusst von der Tradition der Wiener Aktionisten der 50er-Jahre. Ihre Auftritte � bestehend aus ekelerregenden Tabubr�chen � waren immer extremer geworden und grenzten in gewisser Weise an Selbstzerst�rung.
Als sie schlie�lich zur Band wurden, drehten sie den Spie� um und machten das Publikum zum Objekt der Attacken. Bei infernalischer Lautst�rke und unterst�tzt von grell flackernden Stroboskopblitzen, experimentierten sie mit der Wirkung von Tieffrequenzen, die bei den Zuh�rern k�rperliches Unwohlsein ausl�sen sollten: Reaktionen wie Schwindelgef�hle, �belkeit, unfreiwilliges Erbrechen, Epilepsieanf�lle. Das hat in nicht wenigen F�llen auch ganz passabel geklappt.
So arg wird es in Krems wohl nicht zugehen. Auf ultralaute L�rmw�nde aus donnernden Basswellen und dreckigen Synthiesounds in einem qu�lend langsamen Rhythmus an der Schmerzgrenze sollte man sich aber durchaus einstellen. �Entertainment through pain�, wie es auf der R�ckseite einer Throbbing - Gristle - Platte hei�t. Sch�n laut wird es auch nicht zuletzt deshalb werden, weil Throbbing Gristle mit der Zeit gehen und ihr Publikum mittlerweile �ber vier Lautsprecherkan�le beschallen. Beim ersten Konzert am Sonntagabend werden sie dabei wohl vor allem Material von ihrer neuen Platte pr�sentieren und die Rufe der altgedienten Fans nach Klassikern wie �Discipline� oder �Persuasion� geflissentlich ignorieren. Auch diese Verweigerungshaltung ist Teil ihrer �sthetik der Konfrontation.